Do, 5. Jun 2003; von prinz elisabeth.
    
KEHLMANN, Daniel: Ich und Kaminski.
Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2003, 174 Seiten.
Sebastian Zöllners Haupteigenschaften lassen sich als rücksichtslos, taktlos und aufdringlich beschreiben. Selbst wenn als Verteidigung für die Figur eingewandt werden kann, dass sie dies alles auf eine gedankenlos naive Art ist; Dieser Sebastian Zöllner hat kein wirkliches Interesse an seinen Mitmenschen, und es ist daher nicht weiter verwunderlich, dass sich auch für ihn niemand wirklich interessiert. Ständig versucht er aber sich und anderen genau das vorzumachen: Dass er ein junger erfolgreicher Kunstkritiker Anfang Dreißig sei, dem nur noch die wichtige Gelegenheit gefehlt habe, durch die ihm der gebührende Erfolg und die entsprechende Anerkennung zuteil werden würde.
Tatsächlich ist dieser Habitus unangemessen und fördert die erstaunliche Anzahl an peinlichen Situationen, wenn Sebastian Zöllner wieder einmal glaubt, jene Wunschprojektion eines erfolgreichen, interessanten und auch noch witzigen Menschen beweisen zu müssen: "Ich begann, von meiner Wernicke-Reportage zu erzählen. Wie ich durch Zufall von dem Fall gehört hatte, am Beginn großer Leistungen steht oft das Glück, wie ich als erster bei dem Haus gewesen war und durch das Fenster gespäht hatte. Ich beschrieb die vergeblichen Versuche der Witwe, mich loszuwerden. Wie immer kam die Geschichte gut an: Kaminski lächelte versonnen, Karl Ludwig betrachtete mich mit offenem Mund." [1]
Manuel Kaminski, ein alter blinder Maler, der sich in die Alpen zurückgezogen hat, scheint ihm nun die entscheidende Gelegenheit auf dem Weg zum Erfolg zu bieten. Über ihn soll eine Biographie entstehen und rechtzeitig bis zum vermutlich baldigen Ableben des Künstlers fertig sein. Denn zu erwarten ist ein reges Interesse der Öffentlichkeit am Leben des Malers, sobald er nicht mehr lebt. Die Voraussetzungen sind denkbar vielversprechend: Kaminski war seinerzeit ein Schützling Matiss´, der Ziehsohn Riemings (alias Rilke) und Bekannter Picassos. Durch den Zusatz "painted by a blind man", der seinem Exponat in einer Pop-Art-Ausstellung in New York beigefügt war, stellte sich der weltweite Erfolg für den Maler Kaminski ein. Dieser litt an zunehmender Sehschwäche und trug eine große schwarze Brille. Das Gerücht aber, er sei blind, hielt sich in der Welt und machte ihn berühmt.
Die Absichten sind klar, das Ziel gesteckt, und Daniel Zöllner auf der Reise. Bereits am Tag der Ankunft platzt er mit seinem durchsichtigen Ehrgeiz in die Welt des alten Kaminskis und seiner Vertrauten. Sofort lädt er sich selbst zum Abendessen ein und verbreitert von Minute zu Minute die peinliche Stimmung. Belustigt er sich noch bei der Suppe an der Unwissenheit einer Dorfbewohnerin, wird bei der Hauptspeise die Bedienstete des Hauses und schließlich die familiäre Situation des Malers zur Zielscheibe oberflächlichler Witzchen und immergleicher Profilierungsabsichten: "Beim Dessert, einer zu süßen Schokoladencreme, erzählte ich von einer Reportage, die ich über den so spektakulär verstorbenen Künstler Wernicke geschrieben hatte. `Sie kennen doch Wernicke?´ Seltsamerweise kannte ihn niemand. Ich beschrieb den Moment, als die Witwe einen Teller nach mir geworfen hatte, einfach so, in ihrem Wohnzimmer, sie hatte mich an der Schulter getroffen, und es hatte ziemlich weh getan. Ehefrauen, erklärte ich seien überhaupt der Alptraum jedes Biographen, und einer der Gründe, warum diese neue Arbeit für mich so erfreulich sei, sei eben die Abwesenheit...Aber man würde mich schon verstehen!" [2]
Manuel Kaminski hat keine Ehefrau, wird aber durch seine Tochter von Leuten wie Zöllner abgeschirmt. Durch Hartnäckigkeit und List gelingt es diesem, mit dem Maler allein zu sein. Und just da hat Kaminski den Einfall, seine ehemalige Geliebte Terese zu besuchen, will spontan mit Zöllner diese Zweitagesreise antreten. Es scheint eine perfekte Gelegenheit zu sein, um endlich aus dem alten Mann die notwendigen Informationen herauszubringen. Doch zeigen nicht nur die ersten knappen Dialoge zwischen den beiden, sondern auch die metaphorische Aufbruchsszene, dass es sich hierbei um kein eindeutiges Verhältnis handelt und handeln wird: "`Also los!´ rief ich. Ich sprang auf, das Bett quietschte, er zuckte zusammen. Ein paar Sekunden saß er starr da, als könnte nun er es nicht glauben. Dann streckte er langsam die Hand aus. Ich faßte danach, und in derselben Sekunde wußte ich, daß es entschieden war. Sie fühlte sich kühl und weich an, doch ihr Griff war überraschend fest. Ich stützte ihn, er glitt aus dem Sessel. Ich stockte, er zog mich zur Tür. Im Gang blieb er stehen, ich schob ihn mit Bestimmtheit weiter. Auf der Treppe hätte ich nicht mehr sagen können, wer von uns den anderen führte." [3]
Weder verschaffen Zöllner Dreistigkeit, schmeichelnde Floskeln noch bedingungslose Unterwürfigkeit den Zugang zu den begehrten Wortspenden des Malers. Dessen Eitelkeit und senile Egomanie ist nicht zu übertreffen, weshalb er sich auch schwerlich als Erlöser und Geldesel instrumentalisieren lässt. Stattdessen dominiert und manipuliert er Zöllner, tanzt genüsslich auf dessen unwissender und an Kunst und Menschen desinteressierter Nase herum: "`Die Wirklichkeit ändert sich bei jedem Blick, in jeder Sekunde. Die Perspektive ist eine Sammlung von Regeln, um dieses Chaos irgendwie in die Fläche zu sperren. Nicht weniger, nicht mehr.´ `Ja?´ Ich hatte Hunger, im Gegensatz zu ihm hatte ich nur einen ungenießbaren Salat gehabt. Trockene Blätter in einer fettigen Sauce, und auf meine Beschwerde hin hatte der Kellner nur geseufzt. [...] Er hatte es wirklich geschafft, die ganze Zeit nichts zu sagen, das ich verwenden konnte." [4]
Nach und nach zeigt sich auch deutlich Sebstians Naivität und Schwäche, was ihm einige sympathische Züge verleiht. Aber trotz dieser Einbrüche und Unterlegenheit des jungen Mannes steuert Kaminski mit seinen knappen Befehlen und Forderungen nicht allein den Reiseverlauf und seinen vermeintlichen Biographen. Immer wieder gelingt es diesem, durch kleine Manöver den Maler zufrieden zu stellen und doch noch in seine Richtung zu lenken. - Wenn auch nicht zum großen Ziel des Biographieprojekts. So manövrieren sie einander immer weiter, stützen, behindern, täuschen und führen einander abwechselnd (wie Sebastian auch die gegenseitige Abhängigkeit schon zu Beginn der Reise intuitiv wahrnimmt).
Demgemäß bewahrt sich das Ende eine Beweglichkeit, die den Standort der Protagonisten auf dem Weg aus ihrer Angst vor Mittelmäßigkeit bzw. ihrem derzeitigen Leben zwischen Verlust, Tod und Neubeginn ansiedelt. Eine zenbuddhistische Weisheit, die Kaminski in seiner Funktion als Lehrer äußert, zeigt schließlich ihren symbolischen Gehalt für den Bedeutungshorizont beider Figuren: "`Kennen Sie die Geschichte von Bodhidharmas Schüler?´ `Von wem?´ `Bodhidharma war ein indischer Weiser in China. Einer wollte sein Schüler werden und wurde abgelehnt. Daher folgte er ihm. Stumm und unterwürfig, jahrelang. Vergeblich. Eines Tages wurde seine Verzweiflung zu groß, er stellte sich Bodhidharma in den Weg und rief: 'Meister, ich habe nichts!' Bodhidharma antwortete: 'Wirf es weg!' Kaminski drückte seine Zigarette aus. `Und da fand er Erleuchtung." [5]
Diese zentrale Denkfiguren des Wegwerfens (bzw. auch Zurückwerfens) ist in dieser Form aber nicht nur hochkomisch, sondern verdient Beachtung als stilistisches Prinzip. Zum Schluss nimmt sie sich nämlich der Ich-Erzähler Sebastian Zöllner mit einer Heftigkeit und Konsequenz zu Herzen, die der/die Leser/in ihm gar nicht zugetraut hätte. Er hat sich gereinigt, hat sich befreit von Erfolgszwang und Angst vor Mittelmäßigkeit. Und wie auch der letzte Satz des Romans: "Die Flut kam", bestätigt, handelt es sich hier um eine umfassende naturgewaltige Reinigung, eine Katharsis, die sämtliche Konventionen der großartigen Ichbestätigung über Bord werfen und überfluten möchte. Selbstverständlich trägt dieser Gestus selbst eine Konvention in sich: Die der Unreinheit.
Sebastian Zöllner hat zu Beginn der Handlung das dringliche Bedürfnis sich zu rasieren. Ständig kommt aber etwas dazwischen. Schließlich versucht er es mit der Wegwerfrasierklingen, mit denen er sich promt schneidet. Der neu gekaufte Rasierapparat ist bald wieder abhanden gekommen, sodass dieses Problem ungelöst bleibt, im weiteren Verlauf aber an Bedeutung verliert. Wer dieses unrasierte unreine Gesicht aber gnadenlos an seiner Oberfläche aufzeigt, das ist der Spiegel. Er ist in mehrfachem Auftreten auch der zentrale Gegenstand in einigen von Kaminskis Bildern. Hierin widmet sich der Maler der Darstellung von komplizierten Spiegelreflexen. Und als Zöllner selbst die Aufforderung erhält, alles wegzuwerfen, starrt er in eine Art Spiegel, die schwarzen Brillengläser Kaminskis, die ihm sein Bild zurückwerfen.
Es handelt sich demnach um ein kompliziertes Spiel von Spiegelreflexen, das nicht nur die Bilder im Roman zeigen, sondern auch das literarisch dargestellte Beziehungsgeflecht zwischen Zöllner und Kaminski aufwirft. Therese, die sich dem Einfluss Kaminskis entziehen konnte, und ein neues Leben begonnen hat, erinnert sich beim Wiedersehen mit dem Maler sofort an die Spiegel und bezeichnet sie als "unheimlich". Zuvor hat sie als junge Frau in ihrem Abschiedsbrief an Kaminski bereits den Spiegeln eine entscheidende symbolische Funktion zugeschrieben: "Nach all der Zeit weiß ich noch immer nicht, was wir für Dich sind. Vielleicht die Spiegel (damit kennst du dich ja aus), die die Aufgabe haben, dein Bild zurückzuwerfen und dich zu etwas Großem, etwas Vielfältigem und Weitem zu machen." [6] Während sich aber nach der Reise der Kunstkritiker Zöllner im Angesicht des Spiegels (bzw. der Brillengläser Kaminskis) eines (reinigenden) Handlungsbedarfs bewusst wird, kann Kaminski im Angesicht des Gespiegelten seine eigene Pose der Spiegelhaftigkeit ablegen.
    
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[1] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2003, S. 106.
[2] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski, S. 29f.
[3] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski, S. 92f.
[4] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski, S. 121f.
[5] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski, S. 127f.
[6] Kehlmann, Daniel: Ich und Kaminski, S. 88.
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