Ein anderer Blick auf den Krieg
Mo, 7. Apr 2003; von Andreas Rathmanner.
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Ein anderer Blick auf den Krieg
Rolf Breitenstein 06.04.2003
Die Geschichte der Meme, die sich nicht mögen
Jeder Krieg oder jede politische Auseinandersetzung läuft nach einem
trivialen Grundmuster ab: Das Böse in der Welt muss bekämpft werden.
Böse ist immer der Andere, und weil er böse ist, muss er bekämpft
werden. Böse ist er deswegen, weil er uns zerstören will. Der Andere
will uns zerstören, weil wir ihn für böse halten und ihn deswegen
zerstören und ihn damit einen Schaden zufügen könnten. Dialektisch
gesehen stehen sich immer zwei Parteien gegenüber, die vom Anderen
strukturell die selbe Meinung haben. Politisch gesehen entsteht dieser
Zustand auch aus der Tendenz, immer einem Anderen die Schuld für die
eigene Misere zu geben, um nicht selber die Verantwortung dafür tragen
zu müssen. Um das plausibel zu kommunizieren, bedarf es einer
geschickten Argumentation oder, anders formuliert, einer feststehenden
Ideologie.
Kollektive Auseinandersetzungen entstehen an den Grenzen
unterschiedlicher Überzeugungen. Das ist zwar nicht neu, aber bisher
hat es keiner nachhaltig verhindern können. Heute ist es die Grenze
zwischen dem Islam und der westlichen Welt, die Konflikte produziert.
Europa erlebte wegen der Spaltung des Christentums in die evangelische
und katholische Seite über lange Zeit hinweg eine gewisse
Grundkonflikt. Angefangen mit dem 30jährigen Krieg bis hin zu aktuellen
Auseinandersetzungen in Nordirland. Bei jedem Konflikt gibt es zwei
Parteien: Kommunisten und Kapitalisten, Kapitalisten und
Arbeiterklasse, Schiiten und Sunniten, Serben und Kroaten, Fußballfans
von der einen Mannschaft und Fußballfans von der anderen Mannschaft,
Griechen und Türken oder Kölner und Düsseldorfer.
So lächerlich sich das auch immer oft aus der Perspektive eines
Externen darstellt, um so dramatischer ist es aus Sicht der
Beteiligten. Die Überzeugung, die man innehat, treibt einen zu dieser
Ansicht. Wer sich das Spiel hingegen von außen ansieht, wundert sich
und fragt nach dem Nutzen der Streiterei, denn die Beteiligten sind auf
beiden Seiten nichts anderes als normale Menschen mit gleichen
Interessen. Normalerweise leben sie schon seit Jahrhunderten friedlich
nebeneinander, keiner würde auf die Idee kommen, auf den netten Kontakt
zum Nachbarn zu verzichten. Bis das Mem kommt, bis die Idee den Einen
befällt, dass der Nachbar ein schlechter Mensch ist, nur weil er als
Muslim, Jude, Protestant, Schwarzer oder irgendwie anderes bezeichnet
wird.
Die Fantasie der Meme ist da grenzenlos, es gibt genug Gründe einem
Anderen das Etikett "böse" aufzukleben, die meisten sind noch nicht
einmal entdeckt worden. Es wird die Zeit kommen, in der Pizzabäcker,
Zeitungsleser, Langhaarige, Teetrinker und Spaziergänger zum Opfer von
Ausgrenzung und Diskriminierung werden. Das erscheint uns als absurd,
aber vor eineigen hundert Jahren konnte sich noch keiner einen Krieg
zwischen Kommunisten und Kapitalisten vorstellen.
Der Krieg ist eine memetische Konstante
Zum Krieg kommt es also erst dann, wenn zwei differierende
Überzeugungen sich kreuzen. Vorher waren die Menschen gute Freunde,
jetzt schlagen sie sich die Köpfe ein. Das Gegenteil davon passiert bei
jeder Tarifverhandlung. In der Sitzung dreschen Arbeitnehmervertreter
verbal auf Arbeitgebervertreter ein, abends ist die Sache vergessen und
man trinkt friedlich ein Bier zusammen. Der Krieg funktioniert nur, so
lange es persönliche Distanzen gibt. Treten feindliche Soldaten durch
ungeplante Situationen in Kontakt, kann das im Krieg Unerwünschte
passieren; indem sich Verständnis und Sympathie unter ihnen breit
machen.
Der Krieg ist also keine menschliche, sondern eine memetische
Konstante. Obwohl der Krieg immer da auftaucht, wo es Menschen gibt,
muss er nicht immer da stattfinden. Menschen können auch in Frieden
leben. Kollektive Auseinandersetzungen gibt es erst, seit dem es
Kommunikation gibt. Auch Tiere haben Aggressionen in ihrem
Instinktrepertoire, allerdings spielt sich dies auf der Ebene
individueller Auseinandersetzungen ab.
Meme sind egoistisch, und diese Eigenschaft brauchen sie, um zu
überleben. Ein Mem, das sich nicht gegenüber anderen Memen durchsetzen
kann, hat verloren. Es wird von der Vielfalt anderer Überzeugungen
überrollt und verschwindet damit anteilig von der Bildfläche. Jede
Kultur ist in Bezug auf ihre Verbreitungsstrategie eine Kriegskultur,
friedliche Kulturen haben in einer solchen Welt keinen Platz oder
besser gesagt, ihnen wird kein Platz gelassen.
Das Mem überlebt nur, wenn es andere Meme als schlecht bezeichnet.
Beschäftigt sich der Mensch noch mit einer anderen Überzeugung, bleiben
dem ursprüngliche Mem relativ weniger Denk- und
Kommunikationsressourcen. Das Mem büßt an Lebensraum ein, das
Ausbreitungspotenzial ist damit nicht optimiert und deshalb tendiert
die Evolution der Meme dahin, möglichst aggressive Varianten
hervorzubringen.
Das Christentum behauptet ganz einfach, dass der Gläubige keine anderen
Götter neben sich haben darf, andere Religionen werden ähnliche
Absprachen mit ihren Anhängern haben. Da verschiedene Glaubenssysteme
an verschiedenen Orten entstehen, haben sie erst einmal keine Probleme,
sich zu verbreiten. Der Kampf kommt erst dann auf, wenn
Verbreitungsgebiete aufeinandertreffen, wenn es darum geht, mehr
Anhänger zu finden, also neue Gehirne zu besetzen, und andere Meme an
ihrer Verbreitung zu behindern. Diverse Kriegsschauplätze könnten
friedlichste Landschaften sein, so lange sich hier keine feindlichen
Meme durch gleiche Menschen treffen.
Die Memwelt schafft für jeden ihrer Menschen einen eigenen logischen
Kosmos, in dem alles konsistent erklärt ist, solange man es nicht genau
hinterfragt. Aber auch dagegen hat das Mem oft ein Verbot der Reflexion
entwickelt. Wir glauben von uns, dass die unsrige Sicht der Dinge die
richtige ist. Wir haben Wissenschaft, Technologie und Geld, Gründe
genug, daran zu glauben, auf der richtigen Seite zu stehen. Alles
andere ist unterentwickelt und falsch.
Was ist aber mit den Menschen, die auf der anderen Seite stehen? Auch
sie glauben das, was wir glauben, nur mit einer anderen Logik und mit
anderen Axiomen. Ihre Welt ist aus anderen Gründen besser. Vielleicht,
weil sie keine grausame Ausbeutung durch den Kapitalismus oder keine
umweltverschmutzende Technologie hat, die immer gieriger nach dem Geld
ist, was die armen Menschen in der Welt für sie verdienen müssen.
Möglicherweise sind archaische Lebensformen, wie es sie früher gab oder
wie sie in anderen Teilen der Welt gepflegt werden, viel besser, um ein
glückliches Leben zu führen? Keiner fragt nach dem Nutzen von
Verschleierung und Patriarchat, es ist schon politisch inkorrekt die
Frage zu denken. Überanstrengen wir uns in der Moderne nicht damit,
Liebe und Ehe unter einen Hut zu bringen? Oder scheitern diese
Lebensformen an hohen Scheidungsraten psychosomatischen Krankheiten
oder endlosen Psychotherapien? Genau hinterfragen tun auch wir es
nicht, obwohl wir genau das von anderen Kulturen immer verlangen.
Vermehrung der Meme, nicht der einzelnen Menschen als Wirte ist das
Ziel
Zurück zu den Memen, sie sind egoistisch, ihr Ziel ist es sich zu
vermehren und was mit den Menschen passiert ist ihnen erst einmal egal.
In welchem Menschen sie leben, macht in ihrem Kalkül auch keinen
Unterschied. Stirbt eines von ihnen, kann der Rest immer noch in
anderen Hirnen weiterleben. Zur Not lässt ein Mem seinen Träger vor
versammelter Mannschaft von einem Hochhaus springen oder mit einem
Flugzeug da hineinfliegen. Manche, die zusehen, werden hinterher schon
wissen, worum es geht - und darin liegt der Vermehrungserfolg des Mems.
Für das eine Gehirn, das jetzt zermatscht an der Bausubstanz klebt,
haben Tausende von anderen Menschen dieses Mem in ihrem Kopf.
Regierungen schicken ihre Bürger in den Krieg, damit sich ihr System
oder die Idee über das Funktionieren ihrer Politik weltweit durchsetzen
soll. Die "freiheitliche Demokratie" will sich in der Welt genauso
vermehren, wie eine Staatsform "nach dem Willen Gottes" oder der "Macht
des Proletariats". Staaten versuchen sich durchzusetzen und dem Bauern
ist es in der Regel egal, auf welchem Hoheitsgebiet er seine Kartoffeln
anbaut, der Boden bleibt, so lange sich nur die Grenze bewegt sowieso
der selbe. Dem Bürger ist es in der Regel vollkommen egal, von welchem
Staat er die Steuern abgenommen bekommt, das Geld ist in beiden Fällen
weg. Das einzige, was ihn stören könnte, ist die memetische Diskrepanz,
der andere Staat könnte eine Überzeugung vertreten, die ihm nicht
passt.
Ideale, die dem Menschen Nutzen bringen sollen, gibt es ohnehin nur in
Ausnahmefällen, Meme wandeln sich mit der Zeit ab, um sich besser
vermehren zu können. Was bleibt, ist das schillernde Etikett. Eine
Demokratie, wie sie sein soll, gibt es nur in der Schweiz und schon gar
nicht in den USA oder in Deutschland. Glückseeligkeit durch den Glauben
gibt es nur in kleinen Bereichen des Neuen Testaments, die Kirche
zwingt ihre Mitglieder allerdings zu Lebensformen, die viel grausamer
sind als das Leben ohne Glauben. Diese Meme haben sich nur ausbreiten
können, weil sie diese Erkenntnis über sich geschickt verschleiern
konnten. Der Zustand, wie er ist, quält zwar die Menschen, trägt dafür
aber um so mehr zum Wachstum der Mempopulation bei.
Der Krieg funktioniert auch nach dem selben Muster. Er setzt die
Menschen einem tödlichem Risiko aus, um andere zu töten und damit
verführerische Ideen von "Freiheit", "Gleichheit" und anderen
schillernden Inhalten gewaltsam in andere Köpfe zu exportieren. Der
Leidtragende dabei ist der Mensch, ohne die Ideen gäbe es diese Form
der kollektive Gewalt nicht. Die Idee ist eine parasitäre Einheit, die
in dem Fall für ihr Überleben auf menschliche Opfer angewiesen ist.
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